
Warum Jochen-Konrad Fromme (CDU) nach elf Jahren nicht ins Berliner Parlament nachrücken will / Nachlese und Ausblick
Haverlah (ara). Ob Angela Merkel, Helmut Kohl oder Wolfgang Schäuble: Der Haverlaher kennt die Granden des politischen Parketts. Von dem verschwand der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Jochen-Konrad Fromme nach gut elf Jahren geradezu Knall auf Fall. Bei den Bundestagswahlen vergangenen Herbst scheiterte er denkbar knapp. Nun bot sich ihm überraschend die Chance, über einen Listenplatz wieder ins Berliner Parlament einzuziehen. Doch Nachrücker will er nicht sein, zumal er sich noch im Dezember nicht mehr von der CDU gebraucht sah.
Fromme geht ab Mai in die Wirtschaft, das hat er längst eingestielt, dabei bleibt es. Basta. Trotzdem will er die Zeit im Bundestag nicht missen. Denn manches vergisst er nie. Etwa das „Geduze“ von Kohl – anfangs fand er es schon etwas seltsam. „Er duzte jeden. Das war aber nicht von oben herab. Das war eben pfälzisch“, erzählt Fromme. Von Kohl, der, wenn er einen Raum betrat, lässig die Jacke über einen Stuhl warf und gleich nach Kuchen fragte, habe man viel lernen können. Deutschlands Aufgabe sei es, im Zentrum eines friedlichen Europas neue Kriege zu verhindern. „Das war Kohls Sendungsbewusstsein.“ Mit dem konnte sich Fromme mühelos identifizieren. Mit Angela Merkel, die er bei nächtlichen Gesprächen in deren innerstem Zirkel im Kanzleramt erlebte, war er nicht immer einer Meinung. „Sie wollte die Partei mehr zur Mitte rücken.“ Das passte Fromme nicht, der mehr Rücksicht auf die Stammwähler nehmen wollte: um keine Stimmen zu verlieren.
Begegnungen mit Kohl und Merkel sind für ihn nun Vergangenheit. Solche Treffen werden sich so schnell wohl nicht wiederholen. Auch negative Erlebnisse in seiner politischen Karriere wie 1997, als die CSU durch „Manipulation“ seine Wahl zum Vorsitzenden der Bundesversammlung der kommunalpolitischen Vereinigung der CDU/CSU verhindert habe, sind für ihn längst abgehakt. „Ich hätte noch genug Energie für weitere Jahre als Abgeordneter gehabt. Auch ab 60“, sagt Fromme, für den sich im Herbst ein Lebenskapitel schloss.
Als er am Morgen nach dem Wahltag am 28. September seinen Computer einschaltete, hatte er noch ein bisschen Hoffnung. Vielleicht reichte es ja noch, wieder einen Platz im Bundestag zu ergattern. Fehlanzeige. Weil die CDU in Niedersachsen nur 21 Mandate erringen konnte, musste er klein beigeben. Er wäre erst als 22. über die Liste ins Berliner Parlament gekommen. SPD-Kandidat Sigmar Gabriel hatte dagegen den Wahlkreis direkt gewonnen. Nach hartem Wahlkampf der Union („So stark wie nie zuvor“) zeigte sich Fromme enttäuscht: „Es ist bitter, dass es nicht gereicht hat.“
Die Frage nach der politischen Zukunft stellte sich. „Meine Partei muss sich entscheiden, ob sie meine Ressourcen nutzen möchte. Ansonsten bin ich auf Arbeitssuche“, sagte der Rechtsanwalt und Hildesheimer Kreisdirektor a.D. kurz nach der Wahl. Das Ende der politischen Karriere schien für den Vater zweier 28 und 31 Jahre alter Töchter schon besiegelt.
Doch einen Versuch startete er. „Im Dezember habe ich die Bundes-CDU und die Landesregierung gefragt, ob sie eine Verwendungsmöglichkeit für mich hätten.“ Aber die gab es nicht. Frommes Anfrage wurde abschlägig beschieden. Für ihn fiel eine Tür ins Schloss. Er sah sich um, fand eine neue Perspektive: als Geschäftsführer bei einer bundeseigenen Immobiliengesellschaft in Berlin. Eine Perspektive, die sich als Alternative zur Politik anbot. Fromme unterschrieb einen Vertrag. Damit waren für ihn die Würfel gefallen. Was folgte, waren überraschende Versuche der Partei im März, ihn umzustimmen. Denn mit dem Wechsel der niedersächsischen Bundestagsabgeordneten Martina Krogmann in die niedersächsische Landesvertretung in Berlin hätte Fromme nun als Nachrücker doch noch in den Bundestag einziehen können. Der Braunschweiger Landesverband hätte wenigstens einen Abgeordneten im Parlament. Fromme aber will partout seinen neuen Job antreten – und lehnte ab. Bemühungen, ihn in den Bundestag zu locken und ihn zu überreden, doch wenigstens den Vorsitz des CDU-Landesverbandes Braunschweig zu behalten, waren vergeblich. Fromme wollte nicht mehr. Der Stachel, im Dezember der Partei nicht mehr gut genug gewesen zu sein, saß wohl zu tief. Aber mit alledem hat der 60-Jährige inzwischen abgeschlossen. „Schnee von gestern.“
Für Fromme zählt jetzt seine neue Arbeit. Doch bis Mai kann er sich erst mal zurücklehnen. Vielleicht mit seiner Frau Martina (55) nach Wyk auf Föhr fahren, um dort die Seele baumeln zu lassen. „Dort machen wir seit 1983 Urlaub.“ Und dort hat er Ruhe, um weiter seine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Die hat der 60-Jährige schon bis ins 15. Jahrhundert zurück verfolgt. Allzu ruhig soll’s um ihn allerdings nicht werden. „Auch wenn ich jetzt als ehemaliger Abgeordneter nur noch ein Zehntel der Post von früher kriege.“ Er will auf die Jagd im Wald bei Salzgitter gehen und weiter bei den Sportschützen Königsscheiben ergattern. Und einige Jahre arbeiten. „Einrosten ist nicht“, befiehlt der Reserveoffizier sich selbst.
